Umberto Santino

Die Brücke und die Mafien: Ein Abriss über realen Kapitalismus

(Vorwort zum Buch von Antonio Mazzeo, I padrini del Ponte)

(Übersetzung: Christoph Hermsdorf)

Während der Wahlkampagnen zu den Parlaments- und Regionalwahlen vom 13. und 14. April 2008 trat das Gespenst “Brücke über die Meerenge von Messina” wieder in Erscheinung und nahm eine zentrale Rolle in den Wahlprogrammen ein, sowohl in denen Berlusconis als auch in denen Lombardos – Präsidentschaftskandidat der Region Sizilien nach dem Rücktritt Cuffaros. Mit dem Wahlsieg beider begann man darüber zu sprechen, die Zeit bis zur Grundsteinlegung zu verkürzen.
Es gab sogar schon Daten: 2010 sollten die Arbeiten beginnen und 2016 sollten sie fertig gestellt sein. Sie riskierten auf diese Weise, alle bezüglich der Konstruktion gemachten Beobachtungen des Megabauwerks hinwegzufegen: die Brücke sei unnötig, schädlich; man würde sie in einer der meist erdbebengefährdeten Regionen des Planeten errichten; sie sei ein Grab finanzieller Mitteln, mit denen man die wirklich Entwicklung Siziliens und Kalabriens fördern könnte.
Sowohl Berlusconi als auch Lombardo wollten die Brücke, weil sie etwas darstellen würde wie die Pyramiden der Pharaonen – ein Monument, um sich in der Geschichte zu verewigen. Und berücksichtigend, wie jene Persönlichkeiten gestrickt sind, scheint das Bild der Pyramiden wie geschaffen für diese zu sein. Ein Bild, das nicht nur optimal für die Großartigkeit des Projekts steht, sondern das vor allem ein Kompendium noch größerer Interessen darstellt.

 

Nur Schutzgelder und Abgaben?

Über die Rolle, die die Mafia bzw. die Mafien beim Bau der Brücke haben könnten, sind in den vergangen Jahren Artikel, Berichte von Untersuchungen und Umfragen sowie Betrachtungen im Inneren der Beziehungen des antimafia – Untersuchungsauschusses erschienen.
Dennoch ist das Bild, das beim Großteil dieser Stellungnahmen zu Tage kommt, nicht adäquat, da die Vorstellung von Mafia, die diesem zu Grunde liegt nicht angemessen ist: eine Mafia, die schlimmsten Falls die alte Erpressungs-Protektions-Praktik ausüben könnte – ein wieder aufgefrischtes Bild hervorgerufen durch trotz nachweislicher Oberflächlichkeit und Voreingenommenheit erfolgreichen Untersuchungen; eine Mafia, die sich Aufträge sichern, Materialien beisteuern, das Handwerk anwerben und über tausend verschiedene Wege profitieren könnte, aber auf jeden Fall eine parasitär-räuberische Rolle einnimmt.

Dieses auf einer genauen Dokumentation basierende Buch gibt ein anderes Bild, da es von einer weitaus komplexeren Mafiavorstellung ausgeht: nicht nur und nicht so sehr die sogenannte Unternehmer-Mafia, von der man seit den 80er Jahren auf Grund oberflächlicher und voreiliger Untersuchungen sprach, sondern eine Finanz-Mafia, welche durch außerordentliche Fähigkeiten in illegaler und exponentiell ansteigender Kapitalanhäufung in der Lage ist, eine Schlüsselrolle einzunehmen und nicht die der armen Verwandtschaft mit den großen Unternehmergruppen.
Die Presse sprach über einzelne Personen, wie den alten Ingenieur Zappiai . Die Seiten dieses Buches überfliegend hingegen trifft man auf Gruppen und Figuren, die keinerlei Zweifel über ihre Natur und ihre Absichten aufkommen lassen: an erster Stelle die sizilianisch-kanadische Mafia, von den historischen Caruana und Cuntreraii bis Vito Rizzutoiii , sowie den Ölherrschaften – alles Persönlichkeiten mit Namen und Vornamen und deren finanzielle Verfügbarkeiten über alle Zweifel erhaben ist. Dieses Muster entsteht nicht aus einer Art Ruf nach allgemeinen Mittätern, sondern es stützt sich mit haargenauer Präzision auf das Fundament rekonstruierter Beziehungen mittels Dokumentationen, die gerichtliche Quellen bevorzugen, auch wenn sich nicht immer vollständig sind.

 

Die Brooklyn-Umfrage und der globale Kontext

Die bedeutendste Quelle ist die von der Antimafia-Bezirksdirektion in Rom koordiniert Brooklyn-Umfrage, in deren Zentrum eine Operation steht, die von der sizilianisch-kanadischen Mafia organisiert wurde, um 5 Mrd aus dem Drogengeschäft stammende Euro zu investieren.
Giuseppe Zappia und seine Seilschaften wurden 2004 auf Grund des general contractor-Vorwurfs vom Ausschreibungsverfahren ausgeschlossen. Er beeilte sich daraufhin, eine unverdächtige Geldquelle ausfindig zu machen: eine Gesellschaft in Händen der königlichen Familie Saudi Arabiens, die Geld aus dem Ölgeschäft nehmen würde.
Das Bild, das durch die Untersuchungen entstand, zeigt einen Abriss des wirklichen Kapitalismus unserer Zeit, in dem illegale Kapitalanhäufung mit der legalen zusammen koexistiert, gleichgeschaltet durch spekulative Finanzierungsprozesse, durch die es immer schwieriger wird, die beiden Geldflüsse (legal, illegal) voneinander zu unterscheiden. Dies ist eine vom Autor seit langem, und über Jahre isoliert, eingenommene Perspektive, die sich lange schon als die geeignetste gezeigt hat, um die Entwicklungen krimineller Phänomene und die Durchlässigkeit im politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Kontext zu verstehen.
Das Bild erweitert sich darüber hinaus, wenn man die Kriegsereignisse der vergangenen Jahre und der Gegenwart mit in Betracht zieht; Ereignisse, die in den letzten Jahren eine mörderische Gewaltmischung schufen, die dem neuen Jahrtausend einen tragischen Zeugen liefert. Wenn das 20. Jahrhundert das Jahrhundert war, welches misslungene Revolutionen und Totalitarismen – unter ihnen die grausamsten und die am meisten von der Masse getragenen der Menschheitsgeschichte – gesehen hat, dann entspringt das 21. Jahrhundert im Zeichen des Gegensatzes zwischen Krieg und Terrorismus – beide zu identitätsstiftender Religion erhoben – einem barbarischen Zweikampf, der sich unpassenderweise als “Zusammenprall der Zivilisationen” definiert, während es wesentlich angemessener wäre, vom Tod der Zivilisation zu sprechen. Was hat das nun alles mit der Brücke zu tun?
Auf den Seiten dieses Buches finden wir alte und neue Persönlichkeiten, einige höchst bekannt, andere weniger, die sich im Inneren der Finanzwelt treffen und ein alles zu verwischen scheinendes Karussell in Bewegung setzen, in dem es aber im Allgemeinen möglich ist, die Fäden der Interessen zu verfolgen und das Spiel zu rekonstruieren. Die arabischen Würdenträger, die wegen Zappia gerufen wurden, waren Persönlichkeiten, die direkt oder indirekt mit den Strategen des internationalen Terrorismus in Verbindung stehen. Ein Beispiel: die Saudi Binladin Group arbeitet gemeinsam mit Goldman & Sachs, welche eine Beteiligung von 2,84 % an der Impregilo Group haben, jene Gesellschaft, die sich die Konstruktion der Brücke gesichert hat, während eine andere Gruppe, ABN Amro, mit der Gesellschaft der Familie Bin Laden in Verbindung stehend, 3% besitzt. Man wird sagen, die Familienmitglieder Osamas seien nicht direkt in den islamistischen Terrorismus involviert, aber die radikal islamistischen Bewegungen, die sich von den Wahhabitern inspirieren lassen, tragen zur Bildung und Verbreitung eines identitätsstiftenden Credos bei, welches einen nahrhaften Boden bildet für Entscheidungen in diese Richtung. Und diese Angelegenheiten sind alle betreffend, auch wenn man sich auf der Gegenseite befindet. Außerhalb von religiösen Überzeugungen, politischem Glaube, ist das Business eine Art Gott eines von Denjenigen devot gelebten Monoteismus, die Kapital zum Investieren und Interessen geltend zu machen haben.
Große Bauwerke sind eines der Hauptgebiete in denen sich soziale Blöcke verfestigen und sich mafiose Bürgerschichten herausbilden und zusammenschließen. Dies ist keine neue Erkenntnis.
Unter den großen Bauwerken sticht wegen seiner emblematischen Beispielhaftigkeit die Autobahn Salerno-Reggio Calabria hervor, ein wirklicher und wahrhaftiger Knotenpunkt, an dem sich alle treffen: Großunternehmen, eingesessene und aufstrebende Mafiafamilien, Politiker und Beamte verschiedener Bereiche, mittlerweile alle oder nahezu alle vereint durch die Überzeugung des Business’ in greifbarer Nähe. Und auch in diesen Fällen handelt es sich nicht um Schutzgeld zahlen oder territoriale Kompetenzen respektieren, sondern um für alle profitables Gemeininteresse. Eher als von erzwungener Zusammenarbeit sollte man von einem allseits befürworteten Zusammenschluss sprechen. All dies vollzieht sich in einem Kontext, einem in dem wir leben, in dem Illegalität eine Ressource darstellt, seine Legalisierung Programm und Straffreiheit ein Banner und ein Statussymbol sind. Und der Konsens ist vorhanden.
Ein Bauwerk wie die Brücke, trotz seiner Gegenstimmen, verbindet auf perfekte Art und Weise, Wünsche und verbreitete Interessen. Es schafft Einigkeit für eine soziale Zusammensetzung, die historische Wurzeln und optimale Aussichten für die Zukunft hat.
Mazzeos Buch unterstreicht diesen Verlauf und schlägt Alarm, in dem es sich in eine Debatte einmischt, die ihre bedeutenden Momente gehabt hat, seit einiger Zeit jedoch eingeschlafen ist. Und gerade jetzt, da man sich auf die Grundsteinlegung vorbereitet, fehlt sie nahezu völlig.
Es muss, so scheint mir, betont werden, dass es nicht darum geht, eine Vision anzunehmen, nach der jedes Bauwerk, sei es groß oder klein, im Namen eines Umweltfundamentalismus exorziert werden soll, der jeden Schritt eines noch so kleinen Eingriffs des Menschen in die Natur versperren will, die seit Jahrtausenden alles andere ist als unberührt. Umweltschutz darf nicht auf eine Reihe von Neins reduziert werden, hingegen muss er in der Lage sein, sich als konkrete, umsetzbare Alternative zu präsentieren. Und es ist gerade diese Alternative, die nach dem Sturz der großen Erzählungen mit Abwesenheit auffällt, auch wenn es an glaubwürdigen Vorschlägen nicht fehlt. Aber es ist das allgemeine Grundkonzept, welches fehlt. Was gerade nicht bedeutet, ein Bauwerk zu blockieren, sobald nur der Geruch von Mafia in der Luft liegt. Ein öffentliches Bauwerk, sei es groß oder klein, wenn es nützlich ist und notwendig, muss gebaut werden und wenn die Mafia versucht ihre Hände danach auszustrecken, dann muss alles daran gesetzt werden, sie davon fernzuhalten. Wenn der Wille dazu vorhanden ist, ist es möglich: es muss klar sein, dass es den unbekannten, unbesiegbaren Kraken nicht gibt. Mafien bestehen aus Menschen aus Fleisch und Blut, die man erkennen, bekämpfen und besiegen kann. Natürlich nicht, indem man Militärs schickt, die nur dazu dienen, eine rein symbolische und spektakuläre, territoriale Kontrolle zu simulieren. Die Mafien lassen sich nur besiegen, wenn man die Verbindungen trennt, die sie geknüpft haben, auch wenn sie sehr stark sind.
Die laufenden Untersuchungen zur Entwicklung der an die Brücke gebundenen mafiosen Interessen können nur ihr Ziel erreichen, wenn sie keinen isolierten Einzelfall darstellen, wie ein Produkt eines pilatischen Akts, der wieder einige Staatsanwälte beauftragt, obwohl es ein Unternehmen von weitaus umfangreicherer Aufstellung sein sollte.
Es bleibt die Frage, ob diese Baustelle für eine kulturelle, soziale und politische Brücke, die auf eine andere Zukunft gerichtet ist, offen und wirksam ist oder ob sie Teil eines Traums ist, dem es vorbestimmt ist, ein solcher zu bleiben.

i Giuseppe Zappia, capobastone der Cosca von Montalto der ‘Ndrangheta.
ii Cuntrera-Caruana, Mafiafamilie der Cosa Nostra, auch genannt “I Rothschild della Mafia” oder “I banchieri di Cosa Nostra“; spielten eine wichtige Rolle im internationalen Drogenverkehr von Italien nach Kanada und Venezuela.
iii Vito Rizzuto; Sohn des Mafiabosses Nicolo Rizzuto (Cuntrera-Caruana); Spitzname: “Don Teflon canadese”.