14 Gedichte von Peppino Impastato

übersetzt von Christoph Hermsdorf

1

Ein Meer von Menschen
in verworrenen Fluten
ließ man sich nieder auf den Plätzen
in den Straßen und in den Vororten.
Ein großes Geschrei,
dass das Blut gefriert,
wie ein Knacken gebrochener Knochen.
Ohne wollen und ohne denken
in dem Getöse, welches die Ohren betäubt;
in dem Geruch der Menge
schwebt festliche Luft.

2

Seinem Lächeln gehört
die Furcht des sterbenden Mannes,
in seinem wirren Blick
erbittet er ein wenig Aufmerksamkeit,
auf seinen Lippen von korallenrot
ein argloses Aufgeben,
in seiner Brust will er
sein keuchendes Atmen spüren:
er ist ein Mann, der stirbt.

3

Die Blume des Feldes entspringt
dem Schoß der schwarzen Erde,
die Blume des Feldes gedeiht
duftend nach frischem Tau,
die Blume des Feldes stirbt
auf der Erde zerfließen
die geheimen Flüssigkeiten.

4

Es ist traurig, keinen Hunger zu haben
abends im Gasthaus
und im Dampf
der heißen Bohnen,
sein verlorenes Gesicht zu sehen.

5

Und wenn ein Junger zu uns kam
mit klaren Augen
und vollen Lippen,
zu unserer Jugendlichkeit
verbraucht im Lande und im Bordell.
Sagte kein einziges Wort
noch macht er irgendeine Geste:
sein Schweigen
und seine Reglosigkeit
öffneten eine tödliche Wunde
in unserer verbrauchten Jugendlichkeit:
Niemand wird sich verkaufen:
unser Leid hat keine Zeugen.

6

Lang ist die Nacht
und zeitlos.
Der Himmel voll mit Regen
erlaubt den Augen nicht,
die Sterne zu sehen.
Es wird nicht der eisige Wind sein,
der das Licht bringt,
weder das Krähen des Hahns
noch das Weinen des Kindes.
Viel zu lang ist die Nacht,
zeitlos,
endlos.

7

Spazieren durch die Felder
mit dem Herzen
der Sonne ausgesetzt.
Der Gedanke,
verwunden eingewickelt,
sucht das Herz
im Nebel.

8

Man saß
still
eingeklemmt in der Zange
zwischen Himmel und Erde
und die leeren Augen
fixiert auf den Abgrund.

9

Frisch ist der Morgen
und nach Chrysanthemen duftend.
Ich erinnere nur sein Gesicht
violett und in die Leere gerichtet,
das Weinen der Frauen,
das Schluchzen der Glocke
und eine befreundete Stimme:
“Er ist ins Paradis gegangen,
mit den Engeln zu spielen, er kehrt bald zurück
und spielt dann lang mit Dir”.

10

Ein Flügelschwarm gegen die Sonne,
Sturz in die Leere
Begehren,
Erektion,
Masturbation,
Orgasmus.
Stille Straßen,
ergebene Gesichter:
die Nacht verschluckt die Stadt.

11

Das Herz schlägt mit der Uhr
das Gehirn pulsiert auf der Straße:
Liebe und Hass
Weinen und Lachen.
Ein Auto vermischt
alles: absolute Leere.
Es war auf der Durchfahrt.

12

Auf der regennassen Straße
Spiegelt sich mit grauem Schimmer
das Licht einer schwachen Lampe:
und alles ringsherum ist still.


13

Wolken von schwerem Atem
verdicken sich auf den Augen
in seltsamem Fließen
der Schatten und Erinnerungen:
ein Fest,
ein Rauschen der Röcke
ein Blick,
zwei taunasse Augen,
ein Lächeln,
ein Frauenname:
Liebe
Entsteht
Daraus
Nicht.

14

Meine Augen gefrieren
auf dem Grund des Meers
im Herzen der Algen
und der Korallen.