Umberto Santino

Borghesia mafiosa und zeitgenössische Gesellschaft

(Übersetzung: Christoph Hermsdorf)


Vorwort

Der Begriff borghesia mafiosa ist von Politikern und Wissenschaftlern vehement angefochten worden. Man war und ist besorgt über eine exzessive Ausweitung und Ausdünnung des Mafiabegriffs, wenn nicht sogar über eine allgemeine Kriminalisierung der sizilianischen Gesellschaft (Leonardo Sciascia warnte:”tutto è mafia“) und über die Wiederaufnahme für obsolet erklärter Schemata.
In meinem Ideenkatalog zur Mafia, unter dem Titel La mafia interpretata (1995) (Die Mafia, interpretiert) veröffentlicht, habe ich von den Kritiken eines Historikers (Pezzino) und denen eines Wirtschaftswissenschaftlers (Centorrino) berichtet. Diese erhoben mit fast identischen Worten Einspruch gegen meine auf dem Konzept der borghesia mafiosa beruhenden Analyse: wenn sich der Mafiakomplex soweit ausweitet, dass er ganze soziale Klassen umfasst, bleibt nur, auf einen gesellschaftlichen und grundlegenden politischen Wandel zu hoffen. Es sei hingegen notwendig, sich darauf zu beschränken, die Mafia als Cosa nostra zu betrachten, d.h. als eine bewaffnete, militärische Struktur. Dies sei notwendig, um den Schwachpunkt des pactum sceleris zwischen Mafia und gesetzlicher Macht (Institutionen und Wirtschaft) empfindlich zu treffen.
Wie man sieht, unterstützt man und setzt quasi voraus, dass die Behauptung der Cosa nostra auf Übereinkünften der institutionalisierten und wirtschaftlichen Welt beruhen muss. Man solle nun also das Konzept der Mafia auf eine Organisation einschränken, während die Elemente, die zu den getroffenen Vereinbarungen geführt haben, undurchsichtig und im Unklaren bleiben sollen.
Es waren jene Zeiten, in denen sich ein Wechsel der Paradigmen vollzog, oder genauer, einer der Stereotype. Man schwankte zwischen der Vorstellung, dass einerseits die Organisation Mafia gar nicht existierte, sondern nur Mentalität, Subkultur war, wie erstaunlich erfolgreiche Texte behaupten, wie jener des deutschen Anthropologen Henner Hess (1973) und jener, nach der die Mafia lediglich Cosa nostra war, die überstrukturierte, pyramidal, vertizistische Organisation, die von den mafiosen Kollaborateuren der Justiz, insbesondere durch Buscetta i, enthüllt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt unterstützte selbst der gefragteste Mafiologe (Arlacchi) die These, dass die Organisation Mafia nicht existierte. Er hätte es auch weiterhin getan, wenn nicht der begnadigte Mafioso (pentito) Antonino Calderoneii das Geheimnis gelüftet hätte (Arlacchi 1992). Nach den Enthüllungen durch die pentiti durchlief man eine Entwicklung von einer amöbenartigen Mafia bis hin zu einer kartesianischen. Die Wendung wurde dogmatisch und unreflektiert von Wissenschaftlern aufgenommen, welche von einer Polarisierung zur nächsten übersprangen.
Ich blieb unter den Wenigen, wenn nicht sogar der Einzige, der von der Mafia als zusammengesetztes Phänomen sprach, d.h. einer Organisation, die in einem komplexen Beziehungssystem mit den kulturellen Codes, dem gesellschaftlichen Übereinkommen und kriminellen Gruppierungen steht und die nicht erst eine Entdeckung der pentiti ist, sondern schon Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert werden konnte.
Diese Vorstellung setzte sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr durch, jedoch in einer Art und Weise, die durch Zufälle und Missverständnisse geprägt ist.


Präzedenzfälle und Erklärungen

Meine auf dem Konzept der borghesia mafiosa basierende Untersuchung hat seine Präzedenzfälle – vergangene und zukünftige. Der am weitesten zurückliegende historische Fall ist den Reflexionen Franchettis (1877; 1993) entnommen. Dieser sprach von “Gewalttätern der Mittelschicht”, welche die “Gewaltindustrie” ausübten, und unterstrich, dass alle Bosse der Mafia “Personen aus wohlhabenden Verhältnissen” waren und dass ein Mafiaboss im Gegensatz zu den “Gewalttätigen der Unterschicht”, den Ausführenden der Delikte, viel mehr den “Part des Kapitalisten, des Unternehmers und Vorsitzenden” einnahm.
Sciascia sprach 1968 in einem Schriftstück von einer sozialen Kategorie, wenn nicht sogar von einer Klasse, die man annähernd bürgerlich nennen kann, genauer borghese-mafiosa, die sich innerhalb des Kessels des sicilianismo bildet (Sciascia 1970, p.77).
Der Wirtschaftswissenschaftler und führende Politiker Mario Mineo sprach in einem Schriftstück vom November 1970 von der borghesia capitalistico-mafiosa als einer dominierenden Schicht der sizilianischen Gesellschaft, welche auf der ganzen Insel, den Osten mit eingeschlossen, verbreitet ist. Er schlägt bereits 12 Jahre vor dem Antimafiagesetz die Enteignung der Mafiabesitztümer vor. Diese Idee traf auf eine vollständige Nichtbeachtung durch den Manifesto nazionale, jener Partei, der die Gruppe von Mineo angehörte, die aber im Wesentlichen ein Fremdkörper blieb. Auch die militanten Sizilianer dieser Partei kritisierten diese Ansicht: einige betrachteten die Mafia als archaisches längst ausgegrenztes Überbleibsel, wenn nicht sogar schon begraben von der kapitalistischen Entwicklung. Für das östliche Sizilien sprechen sie von einem Unternehmerbürgertum, dass nichts mit der Mafia zu tun hat (später sollte sich zeigen, von welchem Charakter die sogenannten cavalieriiii von Catania wirklich sind). Scharfe Kritik kam auch vom damaligen Regionalsekretär des PCI (Partito Comunista Italiano) Achille Occhetto, demzufolge die palermitanische Gruppe des Manifests überall Mafia sah. Dieser war mit der Leitung des Autonomiepaktes beschäftigt, der sizilianischen Version des compromesso storico (Verbund des PCI mit der DC) mit den durchschnittlich produktiven Schichten (Santino 2000a, pp. 233 s.).
In ähnlicher Form gestaltete sich auch die Kritik Emanuele Macalusos, einem ehemaligen kommunistischen Führer. Ihmzufolge ist das extremistische Schema der borghesia mafiosa von der Antimafiapropaganda hervorgebracht worden und stellt den Kampf gegen die Mafia mit demjenigen gegen das Bürgertums der Unternehmer und der Berufstätigen gleich, mit dem Resultat, die Expansion der öffentlichen Industrie nicht als Stimulus für die Privatwirtschaft und das Unternehmerbürgertum zu rechtfertigen, sondern als Alternative dazu. Diese “antibürgerliche Kultur” hätte die radikale, antimafiose Linke und die DC (Democrazia cristiana), welche die öffentliche Macht auch unter Zuhilfenahme der Mafia ausübte, zueinander gebracht. Er fügt hinzu: “Das sizilianische Bürgertum der Nachkriegszeit versuchte sich, die regionale Autonomie und die Macht des Statuts nutzend, zu emanzipieren. Es wurde jedoch in den Jahren des Wirtschaftsaufschwungs der großen Industrien des Nordens, der ‘neuen’ sizilianisch christdemokratischen ‘Klasse’ und der radikalen Linke erdrückt” (Macaluso 1999, pp. 33 s.).
Als Zeitzeuge jener Jahre kann ich mich lediglich daran erinnern, dass die Untersuchung Mineos und der Gruppe des Manifesto di Palermo vom Kern der sizilianischen Gruppe nicht unterstützt wurde. Sie traf auf regelrechte Missachtung der anderen Mitgleidern der Nuova sinistra, welche zu sehr damit beschäftigt war “Revolution zu machen” und die Mafia wahrzunehmen. Außerhalb traf man auf Gleichgültigkeit und Ablehnung. Unverständlich bleibt, wie man unserer Idee die Konsequenzen zur Last legen konnte, die derart relevant für die Strategie des Wachstums der öffentlichen Wirtschaft waren, einer Wirtschaft, über die wir überdies ein schweres Urteil fällten. Wir betrachteten diese als eine Serie von abgewirtschafteten, parasitären Betrieben. Fügt man die “sinistra radicale antimafiosa”, die DC, die mit der Mafia in Verbindung stand, sowie die Ansicht, dass der Radikalismus der Linken verantwortlich für die Niederlage des sizilianischen Bürgertums ist, zusammen, bedeutet dies nichts anderes als das Wiederauflebenlassen der Einstellungen der kommunistischen Führer jener Zeit, welche darauf lauerten, Verrat und “Läuse in der Mähne des Reinrassigen” zu entdecken, selbst an der schwächsten Stelle der Opposition der dominierenden Linie im Internen der PC (Kommunistische Partei). Wir waren wenige tausende und die Kampagne für ein Volksbegehren für die Enteignung der Mafiagüter öffnete und schloss sich mit einer von mir erlebten Kundgebung in der Provinz von Agrigento. Die Verhältnisse um fortzufahren waren nicht gegeben.
Schauen wir in die Gegenwart. In den vergangenen Jahren wurde der Ausdruck der borghesia mafiosa vor allem von den Staatsanwälten Piero Grasso und Roberto Scarpinatoiv wieder eingebracht. Diese brachten im Verlaufe ihrer Untersuchungen Elemente aus dem Bereich der Unternehmer und Berufstätigen zutage, die mit Mafiosi in Verbindung stehen. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, dass ein Bürgertum existieren müsse, welches auf Grund der Beschaffenheit der Verbindungen, der Interessenteilung und des Auftretens als mafios zu definieren sei. Aber auch hier und heute fehlt es nicht an Kritiken. Salvatore Lupov hat von “Beeinflussung” gesprochen: die Mafia darf in keiner Weise als soziale Klasse bezeichnet werden. Solch eine Beeinflussung trägt nicht zur notwendigen Unterscheidung zwischen den verschiedenen kostitutiven Elementen des mafiosen network bei (Lupo 2004, p. 41). Man könne festhalten, dass ein solches network existiert, aber es sei nicht beschreibbar mit dem Begriff borghesia mafiosa. Besser man spräche von einer “Nachfrage nach der Mafia in der italienischen Gesellschaft”, von einem “Mafiabedürfnis” (Lupo 2002, p. 505 s.).
Der Jurist Giovanni Fiandaca wehrt sich gegen Ausdrücke wie “Nachfrage nach Mafia” oder “Wunsch nach Mafia”, er spricht von “zweideutigen Metafern” und betont immer wieder die Notwendigkeit “einer genaueren Analyse der aktuellen Funktionweise der Politik, Wirtschaft und im Allgemeinen der italienischen Gesellschaft”. Jedoch bewertet er den Begriff borghesia mafiosa als ein “bequemes Pseudokonzept gerade wegen seiner undeutlichen Allgemeinheit und Unbestimmtheit”. Er hält ein Bürgertum, “welches ständig damit bestrebt ist, Geschäfte zu machen in jenen berühmten und unvergänglichen ‘guten Salons’, welche von Leoluca Orlandovi  ins Gedächtnis zurückgerufen und verteufelt wurden, für eine Fabel. Es mag vielleicht meine professorale Pedanterie sein, aber ich kann mich nicht damit abfinden, gültige Instrumente des Wissens und der Interpretation der Realität als bequeme und verbrauchte Slogans zu betrachten” (Fiandaca 2005, p. 66).
Mir ist bewusst, dass man in den meisten Fällen von der borghesia mafiosa in einer allgemeinen und umfassenderen Weise spricht. Meine Untersuchungen versuchten, die Realität mit umfassenden und flexiblen Instrumenten zu erfassen. Eine voreilige und voreingenommene Lektüre jedoch kann eine solche Analyse auf einen stereotypartigen Slogan ohne wirkliche Erkenntnisfunktion reduzieren – auch herührend von glaubwürdiger Literatur (von der unorganisierten Subkultur Hess’ bishin zu einer traditionellen Mafia, wie sie Arlacchi beschreibt, im Kampf um Ehre, die erst in den 70er Jahren den Kampf um Reichtum für sich entdeckt).


Die Rolle der privaten Gewalt und das Beziehungssystem

Mit dem Begriff borghesia mafiosa möchte ich, über das bloße Aufzeigen von der sozialen Zusammensetzung der kriminellen Gruppierungen hinaus (Franchetti bezieht sich, wie wir gesehen haben, auf die wohlhabende Klasse der capimafiosi), auf zwei Phänomene hinweisen: 1) die Rolle der privaten Gewalt und der Illegalität in den Prozessen der Kapitalanhäufung und Herausbildung der Beziehung von Herrschaft und Untertänigkeit; 2) das System von Beziehungen, innerhalb dessen sich die organisierten kriminellen Gruppen bewegen und ohne welches sie nicht handeln könnten oder zumindest nicht die Bedeutung hätten, die sie besaßen und weiterhin besitzen.
Ich zitiere die hypothetische Definition, die diese beiden Aspekte zusammenfasst und deren Folgen:

Mafia ist die Gesamtheit der kriminellen Gruppierungen – von denen die wichtigste aber nicht die einzige die Cosa nostra ist – die innerhalb eines Beziehungsgefüges agieren, in dem sie ein System konfigurieren, welches auf die Kapitalanhäufung und den Erwerb und die Kontrolle von Machtposizionen ausgerichtet sowie von Gewalt und Illegalität geprägt ist, das sich eines kulturellen Codes bedient und einen gewissen sozialen Zuspruch genießt (Santino 1995, p. 129s.).

Diese kriminellen Gruppen sind durch eine klassenübergreifende Zusammensetzung geprägt – was man auch von dem sozialen Block sagen kann, der um diese rotiert – die die soziale Struktur transversal von den benachteiligsten Schichten über den Mittelstand bis zu den höchsten durchzieht und von den reicheren illegal-legalen Elementen dominiert wird, definierbar als borghesia mafiosa: capimafia, Berufstätige, Unternehmer, Verwaltungsangestellte, Politiker, die in andauernden Verbindungen mit den Kriminellen stehen.


Akkumulation und Herrschaft

Wenn ich sage, dass Gewalt und Illegalität eine entscheidende Rolle bei Akkumulationsprozessen und sozialen Beziehungen gehabt haben, beziehe ich mich auf bestimmte historische Abschnitte, auch wenn man diese nicht exakt voneinander abtrennen kann: den Weg vom Feudalismus zum Kapitalismus, die Durchsetzung der kapitalistische Produktionsweise, der späte Kapitalismus oder Postfordismus und die Globalisation. Eine Analyse, die kritisch auf Kategorien und Instrumente eines nicht ökonomischen Marxismus zurückgreift, der jedoch offen für die Hybridisierung wissenschaftlicher Modelle verschiedener Richtungen ist (z.B. Weber), erlaubt es die Funktion der Subjekte und formell kriminellen Praktiken in sozialen Dynamiken auszumachen, welche die verschiedenen Phasen gekennzeichnet haben.
Bei der Untersuchung des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus erachte ich das von Wallerstein vorgeschlagene Schema (Zentrum, Peripherie, Semiperipherie) für nützlich: Sizilien als anomale Peripherie unterlag einer Entwicklung, die ich als “premafioses Phänomen” definiert habe: Straffreiheit für bestimmte Straftäter auf Grund von Verbindungen zu Machtgegenständen; Verbrechen mit akkumulativer Funktion, die territoriale Macht implizieren, wie Erpressungen und Viehdiebstahl (Santino 2000b). Mit blutigen Unterdrückungen der Bauernbewegung, legitimierter Straffreiheit und mit im Kontrast zu den Erneuerungsprozessen vergangener Jahrzehnte stehenden Massakern und politisch-mafiosen Delikten (deren Drahtzieher man nie herausgefunden hat) spielt die mafiose Gewalt eine fundamentale Rolle bei der Kontrolle der Arbeitskraft in der Durchsetzungsphase des Kapitalismus mit bestimmten Charakterzügen (es war die Rede von Mediationskapitalismus). An dieser Stelle sind sogar kriminologische Reflexionen hilfreich, wie jene von Sutherland über die Angestellten (1947-1987) und jene nicht weit zurückliegenden über die Kriminalität der Mächtigen (Ruggiero 1999).
In der aktuellen Phase, allgemein angesehen als “Globalisierung”, ist das organisierte Verbrechen keine sporadische oder marginale Erscheinung sondern ein Protagonist der Modernisierungsprozesse, welcher die angebotenen Gelegenheiten der Ausgrenzungsprozesse von vier Fünfteln der Weltbevölkerung und der Finanzierungsprozesse der Wirtschaft nutzt (Santino 2002). Einige Wissenschaftler neigen dazu, die Globalisierung tout court als kriminell zu betrachten. Ich befürworte dagegen die These der Kriminogenizität der Globalisierungsprozesse.
Diese Analyse geht einen alternativen Weg neben den beiden Straßen, die mir dominiert scheinen von der übermäßigen Polarisierung, zwischen dem “tutto è mafia” der piovra und dem Reduktionismus, der die kriminellen Phänomene als marginal und punktuell auftretend sieht – beide fern der Realität. Dieser Weg erhebt nicht den Anspruch der einzige zu sein, jedoch aber jenen, beachtet zu werden wegen seines theoretischen Verfahrens und der Dokumentationsbasis, auf der er beruht.
Dass diese Analysen auf obsolete Modelle zurückgreifen, gilt es, zu zeigen. Die Analyse der Klassen wurde vielmehr proklamiert als durchgeführt. Oft wurde diese auf generaliserende Schemata reduziert, anstatt sie auf Basis von Studien der realen Kontexte auszuarbeiten. Selbst Marx ist auf einem fragmentartigen Niveau geblieben; das 52. Kapitel des dritten Buches des Kapitals, welches den Klassen gewidmet ist, enthält lediglich anderthalb Seiten und den Hinweis auf die “drei großen Klassen der modernen […] Gesellschaft”, d.h. die Lohnarbeiter, die Kapitalisten und die Grundbesitzer, und wird begleitet von dem Hinweis, dass eine “unbegrenzte Aufteilung der Interessen und Positionen” existiert (Marx 1965, pp. 1003 s.). Marx (Il 18 brumaio, Lotte di classe in Francia) hat konkret jene “Aufteilung” analysiert und stellte eine in Klassen und Fraktionen gegliederte Stratifizierung heraus: Finanzaristokratie, Grundbesitzer, industrielles Bürgertum, einfaches Bürgertum, Bauern, Industrieproletariat, Unterproletariat. Das marx’sche Konzept der “ökonomisch sozialen Bildung” bringt eine aus sozialen Subjekten, Produktionsmitteln und kulturellen Modellen geformtes Ganzes hervor, welches mit einer wesentlich umfassenderen Realität (man denke an die verschiedenen Formen der Arbeit, in denen Unsicherheit und Schwarzarbeit dominiert), aber auch mit der wachsenden Kluft zwischen arm und reich auch heute nützlich sein kann.
In unserem Land haben Analysen über soziale Klassen nicht viel Unterstützung erfahren und auch die Untersuchungen Sylos Labinis verbleiben unter den wenigen, derer man sich erinnern kann (Sylos Labini 1974, 1986).
Auf jeden Fall frage ich mich, was an Bedeutendem auf teoretischer Ebene und an Relevantem für die interpretierte und gesammelte Dokumentation für die Untersuchung der Organisation Mafia und ihrer Beziehungen zum sozialen Kontext in Umlauf ist. Das Angebot der Sozialwissenschaften scheint mir nicht sehr umfangreich. Nach dem kulturalistischen Rausch spricht man von der Cosa nostra in juristischen Aufsätzen in subalternen Termini, aber es kommen kulturalistische Aufsätze zum Vorschein (Santoro 1998). Was den Kontext angeht, spricht man von externen Beziehungen und sozialem Kapital, vom voglia di mafia (Wunsch nach der Mafia). Auf politisch-institutionaler Ebene gibt es den Vorstoß, neben der juristischen Verantwortlichkeit auch die politische in den Mittelpunkt zu rücken.


Das soziale Kapital

Das Konzept des sozialen Kapitals wurde von der amerikanischen Soziologie importiert, insbesondere durch die Studien von James S. Coleman, welcher sich auf “die Gesamtheit der Ressourcen, über die ein Individuum auf der Basis seiner Kollokation in Netzwerken sozialer Beziehungen” bezieht (in Sciarrone 1998, p. 44). Dieser, von neoklassischer Orientierung, bringt, beim Versuch den individualistischen Ansatz seiner Theoretisierungen zu mildern, den Bezug zur sozialen Ordnung ein, die das sogenannte soziale Kapital kostituiert. Auf diesem Wege kommt eine zweideutige Konzeptionalisierung zustande, für die das soziale Kapital gleichzeitig Attribut des Systems und Indivualressource ist. Unter diesem konzeptionellen Schirm findet sich alles “von Autoritätsbeziehungen bis zum Vertrauen, von sozialen Normen bishin zur Auftretensdichte existierenden Austauschs in einem festgelegten Bereich” (Bianco – Eve 1998, p. 3).
Welchen Nutzen präsentiert die Anwendung des Konzepts des sozialen Kapitals auf die Analyse des Phänomens Mafia? Sciarrone schreibt, dass “eine Lektüre des Phänomens Mafia mit den Termini des sozialen Kapitals davon ausgeht, die Aufmerksamkeit auf die Fähigkeiten und die Ressourcen der Beziehungen der Mafiosi” zu richten. Die Macht der Mafia “ist auch eine Folge seiner Fähigkeiten im networking: dies erlaubt den Mafiosi, je nach Situation, als Mediatoren, Verteidiger und Schirmherren in verschiedenen Beziehungsstrukturen zu fungieren, die sie für ihre eigenen Motive zu nutzen wissen” (Sciarrone 1998, p.47).
Sciarrone zufolge besitzen mafiose Gruppierungen eine organisierte Struktur, die durch die Dualität interner Zentralisierung und externer Wechselhaftigkeit gekennzeichnet ist, wobei sich erstere auf die Mitglieder bezieht, zweitere auf die Netzwerke von Allianzen der Mafiosi mit anderen Subjekten. In Folge dessen gibt es starke interne Verbindungen und schwächere extern ausgerichtete. Diese Ansicht scheint mir nicht adäquat, um die Komplexität und die Konsistenz der Verbindungen zu erklären, die ich eher als sistema relazionale (Beziehungsgefüge) bezeichnen würde, innerhalb dessen sich eher starke, beständige als schwache, temporäre, formlose aber trotzdem nicht labile oder flüchtige Beziehungen unter den berufstätigen Kriminellen mit dem sozialen Kontext und insbesondere mit anderen Subjekten bilden.
In der im Band L’impresa mafiosa veröffentlichten Untersuchung haben wir das Beziehungsgefüge Francesco Vassalos, vom carrettiere (Fuhrmann) zum costruttore principe (Hauptkonstrukteur) der palermitanischen Szene befördert, rekonstruiert, in dem wir die konstituierenden Subjekte herausgestellt haben: mafiose Verwandtschaften, Handwerker, Freiberufler, Unternehmer, Bankdirektoren, Funktionäre der öffentlichen Verwaltung, Politiker – ein Interessenrahmen, ohne den der costruttore nicht einen einzigen Schritt seiner unternehmerischen Karriere hätte unternehmen können (Santino – La Fiura 1991).
Wesentlich kürzer zurückliegend, 1998, hat Antonello Mangano, ein Student der Universität von Messina, in seiner Abschlussarbeit Aktivitäten, Interessen, Subjekte, die die borghesia mafiosa (welche ihr bevorzugtes Tätigkeitsfeld in der Universtät hat) in dieser Stadt bilden, rekonstruiert. Und nicht zufällig traf diese Arbeit auf offene Ablehnung der örtlichen Akademie. Dies führte am Ende sogar zur Rücknahme der Unterschrift durch den betreuenden Professor, dem Wirtschaftswissenschaftler Mario Centorrino, der selbst einige Bände über die mafiose Wirtschaft geschrieben hat. Offenkundig interessierte diese Art von Untersuchungen die Professoren der Meerenge nicht. Sie lehnten es ab, einer Arbeit außerhalb der üblichen Schemata eine Auszeichnung zu verleihen. Erst mit dem Mord des Professors Bottarivii tauchte der “caso Messina” in den italienischen Berichten und in der Anhörung der Commissione parlamentare antimafia auf, jedoch nicht in den Reflexionen der Wissenschaftler und Dozenten, mit einiger weniger Ausnahmen (Comitato messinese per la pace 1998).
Die aktuellen Mafiabosse, angefangen bei Riinaviii und Provenzanoix , die als capi dei capi bezeichnet werden, sind nahezu Analphabeten. Sämtliche Aktivitäten, die ihnen zugeschrieben werden, von den Illegalen, wie Drogenhandel, bis zu Legalen, wie unternehmerische und Auftragsvergaben, wären ohne die Mitarbeit von Berufstätigen, Insitutionen und Unternehmern nicht mal in der Planung nicht möglich gewesen.
Die Reflexionen über das soziale Kapital und über die externen Beziehungen, auch wenn sie mir unangebracht scheinen, sind zweifelsohne wertvoll auf theoretischer Ebene, während von Nachfrage, Bedürfnis oder Lust nach Mafia zu sprechen, nichts anderes bedeutet, als einen effekthaschenden Begriff zu verwenden, der vielleicht gut als Titel eines journalistischen Buchs, wenn auch gut dokumentiert, funktioniert, jedoch ohne jede wissenschaftliche Relevanz ist.


Gerichtliche und politische Verantwortlichkeit

Die aktuelle Gesetzgebung nach dem Antimafiagesetz von 1982 (welches eine Woche nach dem Mord an Dalla Chiesax verabschiedet wurde) steht im Zeichen von Notfällen. Auf jeden Fall hilft es, was die kriminelle Organisation betrifft, Mitglieder, Bosse und Mitläufer zu verurteilen, in dem man mit der Praxis der Straffreiheit brach, welche bis in die ersten Jahre des vereinten Staates zurückreicht. Deshalb hat, was das Beziehungssystem angeht, die Erzeugung des juristischen Sachverhalts des sogenannten concorso esternoxi Leben in die Prozessverläufe gebracht – mit verschiedenen Ausgängen.
Der Prozess, der im Mittelpunkt der gerichtlichen Aktivitäten der letzten Jahre stand, jener zu Andreottixii , wurde mit dem Urteil der Verjährung der begangenen Verbrechen bis 1980 sowie mit dem Freispruch für den darauffolgenden Zeitraum geschlossen. Dieses Urteil erscheint mit typisch italienisch – aber für alle zufrieden stellend. Der Zeitpunkt 1980 scheint in einer Weise berechnet worden zu sein, um die Verjährung zu erwirken und den Weg für einen Freispruch frei zu machen, welchen die öffentliche Meinung fast einstimmig als das einzige Ergebnis ansah – in Wahrheit aber bivalent. Ich weiß nicht, ob der Sachverhalt des Verbundes der adäquateste ist, um die effektiven Verbindungen zwischen Andreotti und Limaxiii und zu anderen bekannten Mafiosi zu repäsentieren. Zumindest jene mit Lima überdauerten diesen Zeitpunkt lange, genauer bis zum Ende des europäischen Parlaments (März 1992) und wenn sie von der Staatsanwaltschaft nicht als kriminell betrachtet werden, bleiben sie auf jeden Fall in ethischer und politischer Hinsicht in höchstem Maße bedenklich.
Ich hätte meine Zweifel zum Ausgang einiger Gerichtsprozesse über Berufstätige und Politiker, welche trotz klarer Inidizien, wie Kollaboration bei der Weiter – und Wiederverwendung von Schwarzgeldern oder Gastfreundlichkeit gegenüber untergetauchten Mafiosi, freigesprohen wurden. Vielleicht hatten die Gewährleistungen einiger Staatsanwälte Einfluss auf die endgültigen Entscheidungen.
Wie hinlänglich bekannt bleiben die sogenannten mandanti esterni (Hintermänner) der Delikte und politisch-mafiosen Morde im Verborgenen, und höchstwahrscheinlich werden sie das auch bleiben und die politiche Verantwortung, von der im Referat über Mafia und Politik der Commissione parlamentare antimafia die Rede war und der mit großer Mehrheit 1993 in Folge der durch die Blutbäder hervorgerufenen Emotionen zugestimmt wurde, ist lediglich auf dem Papier enthalten.
In Abwesenheit von Sanktionen war die politische Verantwortung zu einem frommen Wunsch verkümmert, da sich derer keine selbstregulierende Kraft annahm. Bei den letzten Wahlen kandidierten Persönlichkeiten, gegen die gerichtlich wegen externer Beziehungen ermittelt wurde (Marcello Dell’Utrixiv in Mailand und Calogero Guidicexv in Palermo, beide gewählt). Abgestempelt als von politisierten (“toghe rosse”)xvi sowie menschlich gebrochen Männern kontrolliertes Organ der Verfolgung, war in den letzten Jahren der Angriff auf die Staatsanwaltschaft von ungewöhlichen Akzenten geprägt, deren juristische Funktion zu delegitimieren. In der Geschichte des italienischen Staates ist soetwas nie vorgekommen und die Opposition kam bisher nicht über schüchterne und unsichere Reaktionen hinaus.
Eine Regierung und eine Regierungsmehrheit mit einer ausdrücklich auf Schutz persönlicher Interessen ausgelegten Politik, aus der sich Personen, begleitet von Anwälten der angeklagten Machthaber, welche mit in Gerichtssälen erkauftem Verdienst Parlamentarier geworden sind, auf Anfrage der Mafia oder wegen Korruption zurückziehen, hätte ein entsprechende Analyse verdient. Wenig ermutigende Konzepte, wie jenes der borghesia mafiosa oder das der Mafia als politisches Objekt, selbst gegen die territoriale Herrschaft und in Interaktion mit den Institutionen (Santino 1994), hätten vielleicht eine größeren Bezug zur Realität gehabt, als es erdrückende Theoretisierungen über den militärischen Aspekt und dem der Mafia als Organisation gehabt hätten. Die Wenigen, die versuchten ein allarmierendes Bild von vom derzeitigen Machtsystem zu zeichnen, sind Journalisten und Intellektuelle, die zum Großteil nicht aus der Reihe der Linken stammen, die in sich in mitten einer Identitätskrise befindet. Auch Dozenten und Intellektuelle, welche mit einem Ringelreihen (girotondi) beschäftigt waren, haben keine überzeugenden Analysen hervorgebracht bzw. ist es ihnen nicht gelungen, über lebhafte Proteste hinauszugehen. In diesem Zusammenhang hat die Commissione parlamentare antimafia ihre Stimme nicht hören lassen, um vielleicht sogar nicht auf die Risiken einer “politischen Analyse” hinzuweisen, in dem sie die meine bestehenden Analysen, verzerrt (Commissione parlamentare 2003, pp. 510 ss.). Mein Vorschlag, auf dem in der vergangenen Gesetzgebung bereits begonnenen Weg weiterzumachen, mit der Beziehung zu den Manipulationen des Falls Impastato, bewirkt durch einzelne Repräsentanten der zuständigen Behörden (Commissione parlamentare 2001), hätte das erste Kapitel einer Phase der Straffreiheit sein können, welches sich dem Problem der neofaschistischen und mafiosen Morde hätte stellen müssen. Dieser wurde nicht angenommen, sicher auch wegen fehlender Mehrheit, aber auch auf Grund der Untätigkeit der Oppostion.
Das aktuelle politische Bild bildet seit der Einheit Italiens bis heute m.E. den bestmöglichen Rahmen für den Einstieg der sogenannten mafia sommersa (versteckte Mafia), die in Folge der Boomerangeffekte auf eklatante Delikte verzichtet. Wir stehen vor einer Legalisierung des Illegalen, einer systematischen Illegalität, die täglich zu Tage tritt und welche darauf ausgerichtet ist, den institutionellen Rahmen sowie die Strukturen der Kapitalanhäufungsprozesse zu durchziehen, indem sie Ersterem die konstitionellen Vorschriften entzieht und Letzterem die Kontrollen geschwächt und außer Kraft setzt. Die Feinde sind diejenigen, die die Kontrolle über Legalität ausüben.

Im Angesicht eines ähnlichen Szenarios ist der formalistisch-legalitäre Kontakt der Aufklärungsaktivitäten über die Legalität als Großteil des Antimafiaaktivismus, innerhalb und außerhalb der Schulen, zu einer Prädikation ohne Einfluss auf die aktuellen Prozesse verdammt. Wenn sich alles im Respektieren der Gesetze auflöst, abgesehen von der Bewertung ihres Inhalts, so sind auch die Rassengesetze Hitlers und Mussolinis vom formal-prozeduralen Standpunkt ausgesehen in jedem Fall Gesetze als solche und auch die Gesetze ad personam der letzten Jahre sind dies. Während jede Form des zivilen Ungehorsam von der Landbesetzung der Bauernbewegung bis zu den jüngsten Aktivitäten (über die zu sagen ist, dass sie sich meist auf fragwürdige Formen von spontanem Rebellismus ohne große Planung und Beteiligung reduziert) auszuschließen wäre.
Den großzügigen Praktiken der organisierten, zivilisierten Gesellschaft, welche mit dem auf nationaler Ebene noch sehr wenig verbreiteten antiracket und der Nutzbarmachung der beschlagnahmten Mafiagüter beschäftigt sind, ist es noch nicht gelungen, ein umfassendes Projekt zu erarbeiten. Vor allem gibt es noch keine (von allen) geteilte Analyse zur Beziehung Mafia – Politik, welche oft als Privatangelegenheit zwischen einzelnen Personen verstanden wird.


Welche Strategie für die Zukunft?

Die Bekämpfungsstrategie gegen die Mafia, mit der Tradtion der Straffreiheit zu brechen, hat historische Resultate erzielt. Aber mittlerweile zeigen sich Grenzen, da man die Notfallgesetzgebung abschwächte und beendete (“Die Mafia existiert dann, wenn sie scheißt”). Die Prozesse, welche auf dem concorso esterno basierten, verliefen schlecht.
Eine adäquate Strategie verlangt sicher keine soziale Neuordnung, wie es viele Kritiker der theoretischen Ausführungen über die borghesia mafiosa möchten, sie sollte aber in der Lage sein, die Mafiosi, abgesehen von den kriminellen Verbindungsstellen und dem Trennen des blocco sociale, mit Straftatbestände zu treffen, die ausdrücklich die internen Verbindungen des Beziehungssystems regulieren.
Offensichtlich reicht das Zurückdrängen nicht aus. Auch Präventionen bedürfen Theorien und Praktiken, die alles andere als suggestiv und improvisiert sind. Nötig sind integrative politische Handlungen, die die einfache und auch die bürgerliche Bevölkerung zum Ausstieg aus der systematischen Illegalität ermutigen. Die antiracket-Bewegung hat nicht nur auf Grund der wirksamen Einschüchterungen der Mafia Probleme, sich auszuweiten und Fuß zu fassen, vor allem aber auch weil mafiose Praktiken und Methoden, die dem aktuellen Zeitgeist angepasst sind, weiterhin Zugänge zum Machtsystem schaffen. Es ist nicht der Wunsch nach Schutz, unter dem sich Wissenschaftler – von mehr oder weniger raffinierten Formulierunge angezogen der Theorie des Spiels lauschend – aufhalten, viel mehr ist es das Bewusstsein über die Mafia als Machtsubjekt, welches Gegelegenheiten anbietet und Wege eröffnet und mit dem es sich lohnt, zusammenzuarbeiten (die Behauptung des Ministers Lunardi, die mehr eher aus dem Bauch heraus kam, war eher eine Beichte als nur ein Fauxpas).
Nahezu komplette Leere herrscht in den unteren Bevölkerungsschichten, wo die Mafia und ihre Ableger zwar keine Entwicklung schaffen, aber Einkommen und Gelegenheiten der Bereicherung sowie sozialen Aufstieg schaffen. Gerade dies ist den Bewohnern des Zenxvii in Palermo und der Scampiaxviii in Neapel mehr als bekannt. Dabei interessiert es wenig, dass dieses Geld mit Blut gefärbt ist: das Zusammenleben mit dem Tod ist Bestandteil des täglichen Lebens, der Kultur und der völkischen Religiösität, welche mehr an Karfreitage ausgerichtet ist als an die Osterfeiertage und sicherlich mehr als am Respekt gegenüber dem Leben.
Wenn der Antimafiakampf nicht Hand in Hand mit dem Kampf für Demokratie (welche durch mehr oder weniger maskierte Formen der charismatischen Führung Einzelner in den Hinterhalt gelockt wurde) und ein alternatives Entwicklungsmodell geht, welches die Bedürfnisse aller befriedigt und nicht die territorialen Ungleichgewichte und sozialen Klüfte verschlimmert, ist die Niederlage schon sicher.
Auch wenn man von mehreren Seiten auf einem Antimafiakampf besteht, der das zivile Leben beeinflusst, und einer Garantie für die Normalität, die daher von jedem unabhängig von der politischen Einstellung angenommen und ausgeführt werden muss, hat der Kampf gegen die Mafia historisch betrachtet viele herausragende Protagonisten gesehen und nur wenige, die mit dem Leben dafür bezahlen mussten, dass sie sich von politischen Machenschaften jener Regierungsformierungen lösen wollten, derer sie angehörten (von Pasquale Almerico – Bürgermeister von Camporeale, 1957 umgebracht, weil er den Eintritt der Mafiosi in die Stadt der Democrazia cristiana verhindern wollte – bis zu Piersanti Mattarella, presidente della Regione siciliana, 1980 getötet). Die linken Gruppierungen durchleben heute eine epochale Krise, die sich weder mit nostalgischer Rückbesinnung auf die Vergangenheit und eher verbalen als substanziellen Neugründungen, noch mit gemäßigten neoliberalen Praktiken lösen wird. Beide haben nicht entsprechend auf die von den Ausgrenzungsprozessen hervorgerufenen Problemen reagiert, die die Armut globalisieren und die Supermärkte – für einige wenige Previligierte reserviert – militarisieren.
Es lassen sich Antworten auf die Probleme unserer Zeit finden, in der das Problem der ansteigenden illegalen Kapitalanhäufung sowie der Symbiose zwischen Legalem und Illegalem und der Vermehrungen der Mafien existiert, in dem man die Möglichkeiten zu Analysen schafft, die nicht von Null anfangen, sondern das Risiko eingehen müssen neue Paradigmen zu entwickeln und neue Wege zu gehen.
Wenn man sich umschaut, gibt es nicht viel Erfreuliches. Nicht einmal im Auftreten derjenigen, die für Neuerungen der Reflexionen und Handlungen stehen sollten. Ich spreche von den Bildungs – und Studienzentren der Antimafiaorganisationen. Man spricht von einem gemeinschaftlichen Einsatz, häufig jedoch geht man vom geschäftlichen Standpunkt aus, vor allem wenn es sich um die Absicherung durch öffentliche Finanzierungen dreht, die es in der Regione siciliana vorgefallen ist, wo einige Zentren die Wiedereinführung der alten leggine-fotografie (Gesetze ad personam) forderten, während man das Centro Impastato seit vielen Jahren schon wirksam isolierte, welches allein geblieben ist mit der Forderung nach einem Gesetz von allgemeingültigem Charakter und festen, objektiven Kriterien. Das erste Beispiel für einen Kurswechsel in Bezug auf das Klientelsystem der öffentlichen Gelderverteilung müsste von der Gruppenbildungstendenz der Antimafiaorganisationen kommen, aber davon, so scheint mir, wollen viele nichts hören.

 

i Tommaso Buscetta, auch boss dei due mondi und Don Masino, ehemaliger mafioso; wichtigster Kollaborateur der italienischen Justiz (Giovanni Falcone), der die Strukturen der Cosa nostra offen legte und viele capimafia namentliche nennen konnte und somit einen grossen Beitrag zum maxiprocesso lieferte.
ii Antonino Calderone, Ex-Mafioso aus Catania; einer der ersten und wichtigsten pentiti, der mit der Justiz zusammenarbeitete und dieser, aus dem Exil in Frankreich, Informationen zur Mafia in Catania und über deren quattro cavalieri zukommen liess.
iii Quattro cavalieri dell’apocalisse mafiosa, namentlich: Francesco Finocchiaro, Gaetano Graci, Carmelo Costanzo und Mario Rendo; kontrollierten den Grossteil der Wirtschaft in Catania; standen in enger Verbindung und interagierten mit der Cosa nostra.
iv Piero Grasso, seit 2005 capo della procura nazionale antimafia, oberster Staatsanwalt im Kampf gegen die Mafia. Roberto Scarpinato, erst procuratore in Palermo, heute Generalstaatsanwalt in Caltanissetta.
v Salvatore Lupo, Professor für storia contemporanea an der Università degli Studi di Palermo, einer der anerkanntesten Wissenschaftler, die sich mit dem Phaenomen Mafia auseinandergesetzt haben.
vi Leoluca Orlando.
vii Matteo Bottari, Professor für Diagnostik und endoskopische Chirurgie an der Università di Messina, am 15. Januar 1998 von der ‘Ndrangheta ermordet.
viii Salvatore “Totò” Riina, gehörend zum Clan der Corleonesi und einer der maechtigsten Mafiabosse der Nachkriegszeit; verantwortlich für Morde sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Cosa nostra, vernehmlich gegen jene, die in irgendeiner Weise ein Hindernis darstellten; bildete bis zu seiner Festnahme 1993 zusammen mit Bernardo Provenzo die Doppelspitze der Cosa nostra.
ix Bernardo Provenzano, auch Binnu u tratturi; Mitglied und Anführer des Clans der Corleonesi, bis 1993 zusammen Totò Riina, danach alleiniger capo di tutti i capi; wurde 1963 bis 2006 polizeilich gesucht.
x Carlo Alberto Dalla Chiesa, Praefekt von Palermo; koordinierte den Kampf gegen den Terrorismus (gegen die Brigate Rosse und Cosa nostra); forderte mehrmals vom Staat Befugniserweiterung, um effektiver gegen die Mafia vorgehen zu können; diese blieb ihm verwehrt; am 3.September 1982 in Palermo im Auto auf offener Strasse getötet.
xi Concorso esterno in associazione di tipo mafioso, bezeichnet das Ausführen von illegalen oder kriminellen Handlungen, die im Zusammenhang mit Mafiaangelegenheiten stehen oder im Interesse dieser, ohne dass eine Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft vorliegt.
xii Giulio Andreotti, mehrmaliger Presidente del Consiglio dei ministri (1972-73 / 1976-79 / 1989-92), hatte verschiedene Ministerposten inne, einer der wichtigsten Politiker Italiens der Nachkriegszeit; wurde 2003 angeklagt, in Verbindung mit der Cosa nostra zu stehen und im Interesse dieser gehandelt zu haben.
xiii Salvatore Achille Ettore Lima (1928-1992), zweimaliger Bürgermeister von Palermo; ihm wurde vorgeworfen mit der Mafia in direktem Kontakt gestante zu haben; am 12.Maerz 1992 von einem mutmasslichen Mafiakommando getötet.
xiv Marcello dell’Utri, senatore della Repubblica für die Partei Il popolo della libertà, enger Vertrauter Berlusconis; wurde u.a. angeklagt und verurteilt wegen Aktivitaeten gemaess des concorso esterno di tipo mafioso.
xv Calogero lo Giudice, Presidente della Regione siciliana (1982-1983).
xvi Toghe rosse, Staatsanwaelte, die ideologisch und politisch links orientiert sind.
xvii Lo Zen, Akronym für “Zona espansione nord”, eigentlich San Filippo Nero; berüchtigtes Stadtviertel Palermos welches gepraegt ist durch: Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde bis fehlende Infrastruktur, Kriminalitaet, architektonische und struktuelle Fehlplanung.
xviii Scampia, Armutsviertel in Neapel, Bevölkerungsreichster Teil der Stadt, jedoch mit enormer Arbeitslosigkeit (50-70%); auch bekannt durch die Konzentration der Camorra in diesem Stadtteil.


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