Giuseppe Impastato: seine Aktivität, das Verbrechen, die Ermittlungen und deren Irreführung

Geboren wurde er am 5. Januar 1948 in Cinisi, Provinz Palermo, in einer Mafia-Familie – der Vater Luigi wurde während des Faschismus an einen Zwangswohnort verbannt (“inviato al confino”), der Onkel und die anderen Verwandten waren Mafiosi und der Schwager des Vaters war der Mafiaboss Cesare Manzella, der 1963 in einem Auto Marke “Giulietta” in die Luft gesprengt wurde.
Schon als Jugendlicher überwirft sich Giuseppe “Peppino” Impastato mit seinem Vater, der ihn aus dem Haus wirft, und beginnt eine politisch-kulturelle Aktivität gegen die Mafia. 1965 gründet er das Blatt “L’idea socialista” (“Die sozialistische Idee”) und tritt dem PSIUP bei (Partito Socialista Italiano d’Unità Proletaria – Italienische Sozialistische Partei der Proletarischen Einheit). Ab 1968 bekleidet er eine führende Rolle bei den Aktivitäten der “Nuova Sinistra” (Neue Linke). Er ist der Anführer der Proteste der Bauern, die für den Bau der dritten Piste des Flughafens von Palermo bei Cinisi enteignet wurden, ferner der Proteste der Bauarbeiter und der Arbeitslosen. 1975 gründet er die Gruppe “Musica e cultura” (Musik und Kultur), die kulturelle Aktivitäten organisiert (Kino, Musik, Theater, Diskussionen etc.); 1976 gründet er “Radio Aut”, einen “freier Radiosender” (radio libera), d.h. privat und eigenfinanziert. Mit diesem Sender benennt er öffentlich die Verbrechen und Geschäfte der Mafiosi von Cinisi und Terrasini – allen voran die des Mafiabosses Gaetano Badalamenti – die eine wichtige Rolle spielten beim internationalen Drogenhandel, indem sie den Flughafen unter ihrer Kontrolle hatten. Die beliebteste Radiosendung war “Onda pazza” (verrückte Welle), in der auf satirische Art und Weise Mafiosi und Politiker lächerlich gemacht wurden.
1978 kandidiert er für die Kommunalwahlen auf der Liste der “Democrazia Proletaria” (“Proletarische Demokratie”). In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1978 wird er mitten in der Wahlkampagne ermordet, mit einer Ladung Sprengstoff unter seinem Körper, der auf die Bahngeleise gebettet wurde. Die Wählerschaft von Cinisi stimmt nichtsdestotrotz für ihn und wählt ihn so in den Gemeinderat. Die Presse, die Sicherheitskräfte und die Justiz sprechen von einem terroristischen Anschlag, bei dem der Attentäter selbst ums Leben gekommen sei; später, nachdem ein Brief von Impastato – der viele Monate zuvor geschrieben wurde – an die Öffentlichkeit kommt, wird von Selbstmord gesprochen. Dank der Aktivität des Bruders Giovanni und der Mutter Felicia Bartolotta Impastato, die sich öffentlich von der mafiosen Verwandtschaft lossagen, der Aktivität der Weggefährten und derer des Centro siciliano di documentazione (Sizilianisches Dokumentationszentrum) in Palermo, gegründet 1977 und 1980 umbenannt nach Giuseppe Impastato, kommt die Verantwortlichkeit der Mafia für dieses Verbrechen ans Tageslicht. Auf Grundlage der gesammelten Dokumentation und der erstatteten Anzeigen wird die gerichtliche Untersuchung wiedereröffnet.
Am 9. Mai 1979 organisiert das Centro siciliano di documentazione zusammen mit der Democrazia Proletaria die erste landesweite Demonstration gegen die Mafia in der Geschichte Italiens, an der 2000 Demonstranten aus dem ganzen Land beteiligt sind. Im Mai 1984 erlässt das “Ufficio Istruzione del Tribunale di Palermo” (Untersuchungsbüro des Gerichts von Palermo) auf Grundlage der Erkenntnisse des “Consigliere Istruttore” (Untersuchungsrats) Rocco Chinnici, der zuvor die Arbeit des ersten “pool antimafia” (= Konferenz aller Richter, die mit Ermittlungen gegen die Mafia befasst sind) initiiert hatte und im Juli 1983 ermordet wurde, ein Urteil, unterschrieben vom “Consigliere Istruttore” Antonino Caponnetto, in dem der mafiose Hintergrund des Verbrechens bestätigt wird – jedoch wird es Unbekannten zugeschrieben. 1986 veröffentlicht das Centro Impastato die Lebensgeschichte der Mutter von Giuseppe Impastato im Buch “La mafia in casa mia” (“Die Mafia in meinem Haus”) und außerdem das Dossier “Notissimi ignoti” (“Wohlbekannte Unbekannte”), in dem als Auftraggeber des Mordes der Boss Gaetano Badalamenti benannt wird. Dieser wurde in der Zwischenzeit vom New Yorker Gerichtshof während des “Pizza Connection”-Prozesses wegen Drogenhandels zu 45 Jahren Haft. Im Januar 1988 erlässt der Palermitaner Gerichtshof Anzeige gegen Badalamenti.
Im Mai 1992 entscheidet das Gericht von Palermo, den “Fall Impastato” ad acta zu legen; zwar bestätigt es erneut den mafiosen Hintergrund des Verbrechens, schließt aber aus, die Verantwortlichen noch identifizieren zu können. Es vermutet die mögliche Verantwortlichkeit der Mafiosi von Cinisi, die “Verbündete” des Clans von Corleone waren. Im Mai 1994 legt das Centro Impastato einen Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen vor, zusammen mit einer Volkspetition, und ersucht um eine Vernehmung im Zusammenhang mit dem Mord an Impastato des neuen “pentito” (“reuiger” Mafia-Aussteiger) Salvatore Palazzolo, der der Mafia von Cinisi angehört hatte. Im März 1996 beantragen die Mutter, der Bruder und das Centro Impastato die Untersuchung ungeklärter Begebenheiten, vor allem das Verhalten der Carabinieri unmittelbar nach dem Mord.
Im Juni 1996 werden die Ermittlungen offiziell wieder aufgenommen, auf Grundlage der Aussagen von Palazzolo, der Badalamenti zusammen mit dessen Vize Vito Palazzolo als Auftraggeber benennt. Im November 1997 wird ein Haftbefehl gegen Badalementi erlassen, der als Auftraggeber der Straftat benannt wird. Am 10. März 1999 findet die Vorverhandlung des Prozesses gegen Vito Palazzolo statt, während die Rolle von Badalamenti ausgeklammert wird. Die Familienangehörigen, das Centro Impastato, die Partei Rifondazione Comunista (“Kommunistische Neugründung”), die Gemeinde von Cinisi und die Journalistenvereinigung “Ordine dei giornalisti” bewerben sich erfolgreich um den Status als Nebenkläger. Am 23. November 1999 lehnt Gaetano Baladamenti eine Vorverhandlung ab und beantragt den sofortigen Beginn des Prozesses. In der Gerichtsverhandlung vom 26. Januar 2000 beantragt die Verteidigung von Vito Palazzolo den verkürzten Prozess, während beim Prozess gegen Baladamenti die übliche Verfahrensweise verfolgt wird und die Verhandlungen per Video-Konferenz stattfindet. Am 4. Mai im Prozess gegen Palazzolo und am 21. September im Prozess gegen Baladamenti werden die Gesuche auf Nebenklägerschaft der oben genannten Personen und Institutionen wiederum abgelehnt.
1998 hat sich innerhalb der Commissione parlamentare antimafia (Parlamentarischer Anti-Mafia-Untersuchungsausschuss) ein Komitee für den Fall Impastato gebildet; am 6. Dezember 2000 wurde ein Bericht über die Verantwortung von Vertretern der staatlichen Institutionen bei der Irreführung der Untersuchungen gebilligt. Am 5. März 2001 hat das Schwurgericht Vito Palazzolo für schuldig befunden und ihn zu 30 Jahren Haft verurteilt. Am 11. April 2002 ist Gaetano Badalamenti zu lebenslanger Haft verurteilt worden .

(Übersetzung: Leo Schmidt)

Für Bibliografie zu Giuseppe Impastato in italienischer Sprache siehe die italienische Web-Seite