Umberto Santino

Gliederung des Vortrags für Lehrer und Schüler

Mafia und Antimafia jenseits von Stereotypen

1. Mafia: Methodische Hinweise für das Studium des Phänomens Mafia: Kritische Analyse der im Umlauf befindlichen Vorstellungen (Stereotypen und Paradigmata), Versuch einer Definition, Überprüfung derselben durch Forschung.
Stereotypen (sehr verbreitete Vorstellungen, die jedoch wissenschaftlich nicht überprüft sind): der Ausnahmezustand (die Mafia existiert, wenn sie ein Attentat verübt), Gegenstaat, die Piovra, alles ist Mafia. Paradigmata (wissenschaftlich begründete Vorstel-lungen, die einige Aspekte des Phänomens erfassen): kriminelle Vereinigung (Art. 416 bis des Antimafia-Gesetzes vom 13. September 1982), Unternehmen. Die mafiöse Persönlichkeit als Veranlagung (ähnlich der Theorie des italienischen Psychiaters Lombroso, 1835-1909)?
Versuch einer Definition: eine Vielzahl krimineller Vereinigungen (Cosa Nostra und andere Gruppen) die im Rahmen eines Beziehungsgeflechts arbeiten, die gewalttätigen, illegalen und legalen Aktivitäten nachgehen, um sich selber zu bereichern und um Machtpositionen zu erlangen, die eigenen kulturellen Regeln folgen und in der Gesellschaft in gewissem Maße Zustimmung finden. Konstitutive Elemente/Schlüsselwörter, um die Mafia zu definieren: Verbrechen, Häufung, Macht, kultureller Kodex, Zustimmung. Struktur: Kriminelle Gruppen, Anhänger in allen Gesellschaftsschichten, mafiöses Bürgertum (Mafiabosse, Freiberufler, Unternehmer, Beamte, Politiker, Vertreter der staatlichen Institutionen), mafiogene Gesellschaft: von Sizilien zur Globalisierung.
Geschichte: Stereotyp: alte Mafia, neue Mafia. Ein beständiges und zur Verände-rung fähiges Geflecht. Äußerlich starre Struktur, tatsächliche Flexibilität (Beispiel: die Rolle der Frauen). Unterscheidung verschiedener Phasen (Anpassung an die Veränderungen des gesellschaftlichen Kontexts): 4 Phasen: Vorläufer, die Agrarmafia, die städtische Unterneh-mer-Mafia, die Mafia der Finanzwelt. Nach den Attentaten der Jahre 92 und 93: die unsichtbare Mafia.
Recherchen: Vorstellungen über die Mafia, Morde, Unternehmen, Mafia der Finanzwelt, internationaler Drogenhandel, Mafia und Politik, Frauen, die Antimafia-Bewegung


2. Antimafia. Stereotyp:
Der Kampf gegen die Mafia habe erst in den letzten Jahrzehnten
eingesetzt, in Wahrheit ist er zusammen mit der Mafia entstanden.
Bauernbewegung vom 19. Jh. bis zu den 50er Jahren. Klassenkampf; Auseinander-setzung mit Gutsbesitzern, Gabelloti (Pächter) und den konservativen Parteien. Fasci siciliani (1891-94): 108 Tote in einem Jahr; Anfänge des 20. Jahrhunderts (kollektive Vermietung); Zeit nach dem 1. Weltkrieg (Bauern und Arbeiter: Der Gewerkschafter Alongi und Giovanni Orcel); Zeit nach dem 2. Weltkrieg: das Attentat von Portella della Ginestra vom 1. Mai 1947; nach dem Sieg der linken Parteien bei den Regionalwahlen des 20. April 1950: die “Gegenreform der Landwirtschaft”, Niederlage der Bauernbewegung und Auswanderungs-welle (1 Million nach den Fasci von insgesamt 3,5 Millionen Bewohnern; 1,5 Millionen von
Insgesamt 4,5 Millionen, 50er bis 70er Jahre).
60er bis 70er Jahre: Kampf von Einzelnen und Gruppen: Die Antimafia-kommission, Erfahrungen von Danilo Dolci und Peppino Impastato, Analyse des mafiösen Bürgertums.
80er Jahre und danach: Zivilgesellschaft: Vereine. Die wichtigsten Erfahrungen: die Arbeit in den Schulen, Aktionen gegen die Schutzgelderpressung, soziale Verwendung der der Mafia konfiszierten Güter. Rolle der Frauen: von der Bauernbewegung bis heute. In den verschiedenen Phasen: Rolle der Kirchen: katholische Kirche als Machtapparat, Mafia und Antikommunismus. Die getöteten Priester, ebenfalls Opfer der Isolation. Die Antifamia-Hirtenbriefe der Kirche, die Mafia als‚Vereinigung von Sündern: eine Reflexion, die in ihren Anfängen stecken geblieben ist. Die Antimafia der Bürger: der Kampf gegen die Mafia als Kampf um den vernünftigen Einsatz der Ressourcen und als Engagement für die Demokratie.


Bibliographie:

Umberto Santino, Dalla mafia alle mafie. Scienze sociali e crimine organizzato, Rubbettino, Soveria Mannelli 2006; Storia del movimento antimafia, Editori Runiti, Roma 2000, Editori Riuniti University Press, Roma 2009; Oltre la legalità, Centro Impastato, Palermo 2002; Mafie e globalizzazione, Di Girolamo, Trapani 2007, Breve storia della mafia e dell’antimafia, Di Girolamo, Trapani 2008;
A Cavadi (a cura di), A scuola di antimafia, Di Girolamo, Trapani 2007;
Anna Puglisi, Donne, mafia e antimafia, Di Girolamo, Trapani 2005;
L’agenda dell’antimafia.
Materiali sul sito del Centro.

(Übersetzung: Eva Klose)